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Fahrplan und Brücke - Zum Energiekonzept der Bundesregierung PDF Drucken E-Mail
Freitag, den 10. September 2010 um 01:51 Uhr

Die Bundesregierung feiert sich und ihr Energiekonzept.

Die Bundeskanzlerin möchte es als "revolutionär" verstanden wissen, dass sie das tat, was zu befürchten war: die Restlaufzeiten der deutschen Atomkraftwerke werden quasi so lange verlängert, bis das (energetisch verwertbare) Uran alle ist. Der Bundesumweltminister spricht vom "klimaverträglichsten, effizientesten und langfistigsten Energieprogramm". Der Bundeswirtschaftsminister muss in diesem Zusammenhang nicht zitiert werden. Damit man sich nicht nur selbst feiert, dürfen auch zwei Expertinnen von BDEW und DIW lobende Worte äußern. Gebetsmühlenartig wird dabei immer wieder die Rolle der Kernkraft als "Brückentechnologie" betont.

Doch was hat es mit dieser "Brückentechnologie" auf sich?

Sonne und Wind stehen zwar grundsätzlich in ausreichender Menge aber oft nicht zum rechten Zeitpunkt zur Verfügung: Energie wird auch gebraucht, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Diese Lücke soll Strom aus Kernkraft und aus Kohle füllen.

Doch das geht nicht auf: kein Kohle- oder Atomkraftwerk kann so schnell hochgefahren werden, wie der Wind nachlässt und genauso schnell wieder abgeschaltet werden, wenn wieder genug erneuerbare Energie zur Verfügung steht.

Für dieses grundsätzliche Problem bei der Nutzung erneuerbarer Energien werden ganz andere Konzepte benötigt: effizientere und kostengünstigere Speicher, "intelligente" Netze ("Smart Grids"), die neben der Energie auch Informationen über die momentane Versorgungssituation übertragen und es so ermöglichen, geeignete Geräte zum passenden Zeitpunkt zu betreiben, die konsequente Vermeidung von Energieverlusten und für die noch verbleibenden Bedarfsspitzen Generatoren, die sich schnell an- und abschalten lassen. Hierfür könnten Biomassekraftwerke dienen und Erdgas-Kraftwerke, die so noch für eine kurze Zeit eine fossile "Brücke" bilden - bis Speichertechnologien und Netze den Anforderungen entsprechend entwickelt sind.

Kohle- und Atomkraftwerke hingegen sind Grundlastkraftwerke, die nach mehrstündiger Anlaufzeit eine konstante Leistung bringen, was schon immer zu der Situation führte, dass in nachfrageschwachen Zeiten Energie mehr oder weniger sinnlos verschwendet werden muss (vor diesem Hintergrund sind auch die sehr langen Fristen zu verstehen, die für die Abschaffung der elektrischen Nachtspeicherheizungen eingeräumt werden). Die Grundlast belegt einen großen Anteil der Kapazität der Netze sowie der vorhandenen Speicherkapazitäten. Sie wirkt so als Bremse für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien. So muss schon jetzt bei guten Windverhältnissen ein großer Teil der Windkraftanlagen abgeschaltet werden. Denn trotz ausdrücklich im EEG formulierten Vorrang für die Einspeisung Erneuerbarer Energie wirkt die Grundlast als technischer und nicht umgehbarer Fakt.

Ein weiterer Aspekt der "Brücke" spielt auf die Kosten der Energieerzeugung an: nuklear erzeugter Strom kann konkurrenzlos günstig erzeugt werden. Doch das gilt nur für die vier großen Energiekonzerne, die wohl als die eigentlichen Urheber und Nutznießer dieses Regierungskonzeptes gelten dürfen. Einen großen Teil der Kosten der Nukleartechnologie zahlen Sie und ich mit unseren Steuern und auch das  Risiko eventueller Störfälle tragen wir.

Zusätzlich wird beteuert, dass ein bedeutender Teil der Gewinne aus der nuklearen Stromerzeugung für den Ausbau der Erneuerbaren Energien aufgewendet werden soll. Doch auch hier haben sich die Betreiber hinreichend davor abgesichert, dass dieser Teil ihnen zu hoch werden könnte.

Natürlich wissen die Energiekonzerne, dass über kurz oder lang keine Alternative zur Energieerzeugung aus erneuerbaren Quellen bleibt. Aus betriebswirtschaftlichen Gründen sind sie jedoch daran interessiert, ihre Anlagen so lange es geht zu betreiben. Die Förderer von fossilen und nuklearen Rohstoffen wollen ihre Quellen solange ausbeuten bis sie leer sind. Der schnelle Umbau auf eine konsequente Nutzung von erneuerbaren Energiequellen wird deshalb mit Klauen und Zähnen, mit Abwehr und Umschlingung bekämpft.

Hierfür schreibt die Bundesregierung mit ihrem Fahrplan eine Verzögerung für die notwendige Wende zur konsequenten Einsparung von Energie und der Nutzung Erneuerbarer Energien fest. Auch die außerplanmäßigen Sonderkürzungen bei den Einspeisevergütungen für Solarstrom im Juli und September sowie die zeitweilige Aussetzung des Marktanreizprogramms für energieeffiziente Technologien sind in diesem Zusammenhang als Bremsversuche angesichts der Erfolgsgeschichte dieser Entwicklungen zu bewerten.

Doch wir dürfen uns davon nicht ausbremsen lassen. Wenn von der Regierung keine Unterstützung zu erwarten ist, sollten wir versuchen, uns von den Energiekonzernen so unabhängig wie möglich zu machen und dabei die verbleibenden Fördermöglichkeiten nutzen, solange es noch welche gibt. Indem wir konsequent Energie einsparen - durch effizientere Geräte und intelligentere Strategien. Und indem wir möglichst viele Anlagen zur dezentralen Erneuerbaren Energiegewinnung installieren, selbst oder in Gemeinschaftsprojekten. Ich bin dabei und berate Sie gern.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 10. September 2010 um 23:48 Uhr